Was bedeuten die Kurznamen für Stahl?

Bezeichnungen für Stähle und Edelstähle nach Kurznamen

Neben dem System mit den Werkstoffnummern für die Bezeichnung von Stahl, gibt es auch noch ein System mit Kurznamen-Bezeichnungen, das Stähle nach ihrer chemischen Zusammensetzung klassifiziert. 

Es basiert auf der europäischen Norm EN 10027, einem internationalen System zur Bezeichnung von Stählen, und der Aufbau ist wie folgt strukturiert: Kohlenstoffgehalt + enthaltene Legierungselemente + ungefähre Gehaltszahlen. 
Das System für die Kurznamen und Werkstoffnummern für Stähle soll in Europa nach einer einheitlichen Norm gebildet werden und es löst die DIN 17006 T1…T3 und Euronorm 27 ab. 

Die Kurzbezeichnung nach EN 10027-1 ist jedoch kein präzises, immer selbsterklärendes System, sondern nur ein „sprechender Name“ mit groben Richtwerten und Einschränkungen: So sind beispielsweise Gehaltszahlen nur gerundet und nicht alle Elemente haben Gehaltsangaben. Manche Nebenelemente fehlen komplett und werden in dieser Bezeichnung (meistens!) nicht aufgeführt (z.B. Phosphor oder Kobalt), bzw. werden sie nur dann aufgeführt, wenn es legierungsbestimmende Elemente sind, es gezielt legiert wird oder das Element einen relevanten Einfluss auf die Eigenschaften hat. Auch Toleranzbereiche bzw. minimale und maximale Werte sind nicht ersichtlich aus dem Namen.
Bei niedrig legierten Stählen (< 5 % je Element) gibt die Zahl am Ende den Gehalt des zuerst genannten Legierungselements an, multipliziert mit einem elementspezifischen Faktor.

Für die exakt genaue chemische Zusammensetzung benötigt man somit dennoch neben der Werkstoffnummer auch das zugehörige Normblatt oder ein Werkstoffdatenblatt des Werkstoffs.

Beispiel für niedriglegierte Stähle:
100MnCrW4   -   1.2510

100Kohlenstoffgehalt ca. 1 % 
(100 ÷ Multiplikator 100 = 1 %)
MnMangan als Legierungselement enthalten
CrChrom als Legierungselement enthalten
WWolfram als Legierungselement enthalten
4Mangangehalt ca. 1 % 
(4 ÷ Multiplikator 4 = 1 %)

Ohne X werden sog. unlegierte Stähle gekennzeichnet mit einem Mangangehalt ≤ 1 %, unlegierte Automatenstähle sowie legierte Stähle, sofern der mittlere Gehalt der einzelnen Legierungenselemente unter 5 % liegt.

Beispiel für hochlegierte Stähle: 
X90CrMoV18   -   1.4112

XHinweis, dass es sich um hochlegierten Stahl handelt (min. 1 Element ≥ 5 % Gehalt)
90Kohlenstoffgehalt ca. 0,9 %
(90 ÷ Multiplikator 100 = 0,9 %)
CrChrom als Legierungselement enthalten
MoMolybdän als Legierungselement enthalten
VVanadium als Legierungselement enthalten
18Chromgehalt ca. 18 %

Der Buchstabel X zu Beginn einiger Werkstoffen bezeichnet hochlegierte Stähle, bei denen mindestens ein Legierungselement mehr als 5 % Gehalt besitzt.

Die wichtigsten Regeln für niedriglegierte Stähle:

• Legierungselemente werden in absteigender Reihenfolge ihres Gehalts aufgeführt
• die Gehaltszahlen sind multiplizierte Faktoren des durchschnittlichen Gehalts und nur gerundete Werte
• nur gezielt legierte, eigenschaftsbestimmende Elemente kommen in den Namen
• kleine Zusätze (z. B. V = 0,05 %) erscheinen oft nur im Namen, nicht numerisch mit Gehaltszahl
• die Zahl am Ende gibt das Gehalt des ersten genannten Elements nach Kohlenstoff an
• die Zahl am Anfang bezieht sich auf den Kohlenstoffgehalt
• für einfache Stähle gilt: der Buchstabe steht für das Hauptelement und die Zahl für den Gehalt: 
Beispiel C45 = Kohlenstoff = 0,45 % (Mittelwert min/max)
• minimale und maximale Toleranzbereiche in der chemischen Zusammensetzung sind nicht aus dem Namen ersichtlich

Die wichtigsten Regeln für hochlegierte Stähle (X):

• Gehaltszahlen = direkte Massen in % - keine Multiplikator-Faktoren! Außer Kohlenstoff (hier auch Faktor 100)!
• die letzte/n Zahl/en gehört/gehören zum wichtigsten bzw. mengenmäßig dominierenden Element in absteigender Reihenfolge. 

Zum Beispiel:

X6CrNiMoTi17-12-2  →  Werkstoff 1.4571
X6CrNiMoTi17-12-2 - Kohlenstoff 0,06 % (Faktor 100), Chrom 17 %, Nickel 12 %, Molybdän 2 %


X90CrMoV18  →  Werkstoff 1.4112
X90CrMoV18 - 0,9 % Kohlenstoff (Faktor 100), Chrom 18 %

Multiplikationsfaktoren

ElementSymbolim Namen?MultiplikatorKurzname bzw.
Bezeichnung nach ISO EN10027-1
Werkstoffnummer
KohlenstoffCja10045NiCrMo161.2767
ManganMnja440CrMnMo71.2311
ChromCrja4115CrV31.2210
NickelNija4X5CrNi18-101.4301
KobaltCopraktisch nie4  
SiliziumSiwenn gezielt4X15CrNiSi25-211.4828
WolframWja4100MnCrW41.2510
KupferCuwenn gezielt10X5CrNiCuNb16-41.4542
MolybdänMoja1042CrMo41.7225
VanadiumVja1090MnCrV81.2842
AluminiumAlpraktisch nie10  
NiobNbwenn gezielt10X6CrNiNb18-101.4450
TitanTiwenn gezielt10X6CrNiMoTi17-12-21.4571
TantalTawenn gezielt10  
ZirkoniumZrpraktisch nie10  
CeriumCepraktisch nie100  
PhosphorPnein100  
SchwefelSwenn gezielt100X8CrNiS18-91.4305
StickstoffNwenn gezielt100X2CrNiMoN17-13-31.4429
BorBwenn gezielt100022MnB51.5529

KENNBUCHSTABE C 
Unlegierte Stähle mit Mangangehalt < 1 % 
(ohne Automatenstähle)

Was bedeuten die Symbole/Buchstaben?
Evorgeschriebener max. Schwefelgehalt
Rvorgeschriebener Bereich des S-Gehalts
Cbesondere Kaltumformbarkeit
Gandere Merkmale, evtl. 1 oder 2 Ziffern
Sfür Federn
Ufür Werkzeuge
Wfür Schweißdraht
Dzum Drahtziehen

Beispiel für unlegierte Stähle:
C45W   -   1.1730

CKennbuchstabe für unlegierte Stähle mit Mangangehalt < 1 % 
450,45 % Kohlenstoffgehalt (45 ÷ Multiplikator 100 = 0,45 %)
WZusatzsymbol W für besondere Eigenschaften (siehe unten)

KENNBUCHSTABEN HS 
Schnellarbeitsstähle

Beispiel für Schnellarbeitstahl:

HS2-9-1-8 - 1.3247

HSKennbuchstabe für Schnellarbeitsstahl 
2Wolfram mit ca. 2 % enthalten
9Molybdän mit ca. 9 % enthalten
1Vanadium mit ca. 1 % enthalten
8Kobalt mit ca. 8 % enthalten

Bei Schnellarbeitsstählen folgen nach dem Kennbuchstaben „HS“ die Legierungselemente in einer festen standardisierten Reihenfolge als gerundete Prozentzahlen:

1. Wolfram
2. Molybdän
3. Vanadium
4. Kobalt

In den ersten drei Zahlen kann eine 0 erscheinen, wenn dieses Element nicht als Legierung enthalten ist. Kobalt kann bei Nichtvorhandensein komplett weggelassen werden.

Beispiel: HS 18 - 0 - 1   
→   18 % Wolfram, 0 % Molybdän, 1 % Vanadium, 0 % Kobalt

Die folgenden Legierungen sind bei Schnellarbeitsstahl immer mit den in Klammern angegegeben Mengen enthalten, werden aber nicht im Namen aufgeführt:

Kohlenstoff (0,7 - 1,3 %) 
Chrom (3,5 - 4,5 %)
Silizium (0,2 - 0,7 %)
Mangan (0,15 - 0,60 %)


KENNBUCHSTABE S 
Stähle für den Stahlbau

Beispiel für Stähle für den Stahlbau:
S355J2+N   -   1.0570

SKennbuchstabe für Stahlbau-Stähle 
355Mindeststreckgrenze Re in N/mm2 für die geringste Erzeugnisdicke
J2J steht für die Kerbschlagarbeit, 2 bedeuted mindestens 27 Joule bei -20 °C Prüftemperatur
Nnormalgeglüht oder normalisierend gewalzt
Zusatzsymbole Gruppe 1Zusatzsymbole Gruppe 2
Kerbschlagarbeit in JoulePrüftemperaturCmit besonderer Kaltumformbarkeit
27 J40 J60 J° CDfür Schmelztauchüberzüge
JRKRLR+20Efür Emaillierung
J0K0L00Fzum Schmieden
J2K2L2-20Hfür Hochprofile
J3K3L3-30Lfür tiere Temperaturen
J4K4L4-40Mthermomechanisch gewalzt
J5K5L5-50Nnormalgeglüht oder normalisierend gewalzt
J6K6L6-60Ofür Offshore
    Qvergütet
Mthermomechanisch gewalztSfür Schiffsbau
Nnormalgeglüht oder normalisierend gewalztTfür Rohre
QvergütetWwetterfest
Gandere Merkmale, evtl. mit 1 oder 2 Ziffern (M, N, Q - nur bei Feinkornbaustählen)PSpundwandstahl

KENNBUCHSTABE H 
Kaltgewalzte Flacherzeugnisse aus höherfestem Stahl 
zum Kaltumformen

Was bedeuten die Zusatzsymbole?
BBake hardening (= zum „Einbrennen“ geeignet - Lacke, Beschichtungen etc.)
Mthermomechanisch gewalzt oder kaltgewalzt
Gandere Merkmale, evtl. mit 1 oder 2 Ziffern
XDualphase (= Stahl mit einem zweiphasigen Gefüge: weicher Ferrit + harte Martensitinseln)
PPhosphorlegiert
Ynur Streckgrenze garantiert (Yield strength)
LALow Alloy (mikrolegiert, niedriglegiert)

Beispiel für kaltgewalzte Flacherzeugnisse aus höherfestem Stahl zum Kaltumformen:
H420M   -   1.0980

HKennbuchstabe für "kaltgewalzte Flacherzeugnisse aus höherfestem Stahl zum Kaltumformen"
420Streckgrenze = 420 N/mm²
MZusatzsymbol für thermomechanisch gewalzten Stahl oder kaltgewalzten Stahl

KENNBUCHSTABE D 
Flacherzeugnisse zum Kaltumformen

Beispiel für Flacherzeugnisse zum Kaltumformen:
DC04EK   -   1.0392

DKennbuchstabe für Flacherzeugnisse zum Kaltumformen 
Ckaltgewalzt
04sehr gute Umformbarkeit (tiefziehfähig)
EKfür konventionelle Emaillierung geeignet
Was bedeuten die Zusamtzsymbole?
HauptsymboleZusatzsymbole
CkaltgewalztDfür Schmelztauch überzüge
Dwarmgewalzt, bestimmt zur KaltumformungEKfür konventionelle Emaillierung
Xohne WalzvorschriftEDfür Direktemaillierung
01 = Grundqualität (begrenzt umformbar)
02 = mäßige Umformbarkeit
03 = gute Umformbarkeit
04 = sehr gute Umformbarkeit (tiefziehfähig)
05 = beste Umformbarkeit 
(extra tiefziehfähig)
06 = höchste Umformbarkeit 
(für schwierigste Umformungen)
Hfür Hohlprofile
Gandere Merkmale, 
evtl. mit 1 oder 2 Ziffern

KENNBUCHSTABE E 
Maschinenbaustahl

Beispiel für Maschinenbaustahl:
E295GC   -   1.0533

EKennbuchstabe für Maschinenbaustähle
295Streckgrenze 295 N/mm²
G“sonstiger Stahl”
Cmit besonderer Kaltumformbarkeit
Was bedeuten die Zusamtzsymbole?
Zusatzsymbole Gruppe 1Zusatzsymbole Gruppe 2
Gandere Merkmale, evtl. mit 1 oder 2 ZiffernCmit besonderer Kaltumformbarkeit

KENNBUCHSTABE P 
Druckbehälterstahl

Beispiel für Druckbehälterstahl:
P355GH   -   1.0473

PKennbuchstabe für Druckbehälterstähle
355Streckgrenze 355 N/mm²
G“sonstiger Stahl”
Hfür Hochtemperatureinsatz geeignet
Was bedeuten die Zusamtzsymbole?
Zusatzsymbole Gruppe 1Zusatzsymbole Gruppe 2
Mthermomechanisch gewalztHHochtemperatur
Nnormalgeglüht oder normalisierend gewalztLTieftemperatur
QvergütetRRaumtemperatur
BGasflaschenXHoch- und Tieftemperatur
Seinfache Druckbehälter  
TRohre  
Gandere Merkmale, evtl. mit 1 oder 2 Ziffern